Anfang März fand das zweite Netzwerktreffen „Spitzensport trifft Wirtschaft“ statt, bei dem die Teilnehmenden über Angst und Antrieb in beiden Bereichen diskutierten. Warum Angst in diesen Bereichen oft erst zu Höchstleistungen führt, und mit welchen Strategien unproduktiver Angst begegnet wird.
Es ist diese Stelle gegen Ende der Diskussion, die wohl am meisten verdeutlicht, was die vier Personen auf dem Podium verbindet. Moderator Florian Schweer hat das Gespräch eben auf die Frage gelenkt, was die beiden Sportlerinnen und die beiden Unternehmer antreibt – trotz aller Unsicherheiten, die sie in ihren Tätigkeiten permanent begleiten.
"Ich kenne keinen Gründer, der nicht schon mal durch eine ganz tiefe Krise gegangen ist."
Diesen Satz sagt Ulrich Prediger. Sein Unternehmen Jobrad, Pionier beim Angebot von Dienstfahrrädern, das heute mehr als 1000 Mitarbeitende hat, sei fünf Jahre lang fast pleite gewesen. Ihn motiviere, dass ein Start-up jeden Tag wieder etwas Neues biete. In Deutschland habe man immer Angst zu scheitern. Deshalb arbeite er auch gerne mit Sportlern zusammen, wie er mit einem Augenzwinkern in Richtung seiner Mitdiskutantinnen sagt, weil sie bereit seien, es trotz Rückschlägen immer weiter zu versuchen.
Genau das bestätigt Lisa Klein, die 2021 im Bahnradfahren zum Olympiasieg in der Mannschaftverfolgung gefahren ist. „Wer rastet, der rostet“, was ihr Mentor auf der Sportschule gesagt hatte, ist ihr zufolge ein Satz, der sie geprägt hat. Für ein Karriereende sei sie noch nicht bereit. Nele Schutzbach fügt hinzu, dass gerade das Ungewisse für sie im Wettkampf so reizvoll sei. Sie ist dreifache Gewinnerin der Silbermedaille im Ski Alpin bei den Deaflympics, den Spielen der Gehörlosen. Wenn sie auf Skiern steht, fühle sie sich völlig frei, dann denke sie auch nichts mehr. Ähnlich äußerst sich Lisa Klein, sie nehme im Wettkampf auf dem Rad teilweise noch nicht mal ihren Trainer wahr.
Luis Weber, der Gründer von DYNO, einem Start-up, das die betriebliche Altersvorsorge revolutionieren will, sagt, er sehe vor allem den Reiz darin, jede Woche wieder bei „Null“ anzufangen. Dabei schätze auch er das Ungewisse: „Die größten Freudensprünge kommen aus einer unerwarteten Situation“, etwa die Zusage eines Kunden, von dem man es nicht mehr erwartet hätte.
Wann Angst förderlich ist
Einfach immer weitermachen und den Reiz im Ungewissen sehen – ist die Gemeinsamkeit von Sportlerinnen und Unternehmern, dass ihnen Angst Spaß macht?
Die Angstforscherin der Uniklinik Freiburg und Autorin des Buches „Das Alphabet der Angst“, Univ.-Prof. Dr. Dr. med. Katharina Domschke, spricht in dem Zusammenhang von der sogenannten Angstlust. Sie erläutert in ihrem Impulsvortrag, dass der Angstzustand nicht unbedingt etwas Negatives ist: Zunächst ist Angst nur ein natürlicher Reflex, der uns in Gefahrensituationen veranlasst, uns zu verteidigen, zu flüchten oder zu erstarren, je nachdem, was uns in der Situation gerade hilft.
Bis zu einem bestimmten Erregungsniveau sei Angst sogar leistungsförderlich: Laut Studien sind wir in Trainingssituationen in der Lage, 80 Prozent unseres Potenzials abzurufen, in Wettkampfsituationen können wir aber 92 Prozent mobilisieren. Ein Phänomen, das sowohl im Sport als auch in der Wirtschaft zu Höchstleistungen verhelfen kann.
Aber was ist, wenn die Angst zu groß ist? Dann nimmt die Leistung exponentiell ab und aus dem positiven Reflex werden negative Verhaltensmuster, wir reagieren mit Widerstand, Vermeidung oder Paralyse. Oder wie Katharina Domschke auch sagt: „Aus einer Progess- wird eine Prozessorientierung.“ Furcht nennt man es, wenn die Angst auf jemanden oder etwas gerichtet ist, einen Angstgegner. Bei Unternehmen können dies beispielsweise anstehende Veränderungen sein.
Wie soll man mit Angst umgehen?
Wovor haben die Diskutierenden Angst? Die Antworten fallen diesmal etwas unterschiedlicher aus. Lisa Klein sagt, dass sie direkt vor dem Wettkampf eigentlich keine mehr Angst habe. Bei Straßenrennen habe sie manchmal Angst vor Fehlern, die andere Fahrerinnen in der Abfahrt machen und auch ihr zur Last werden könnten. Allerdings berichtet sie auch von einer schwierigen Phase nach ihrem Olympiasieg: Damals habe sie Ängste gehabt, den Ansprüchen nicht mehr gerecht zu werden. Aus mentalen Gründen löste sie einen Profivertrag auf. Den Spaß habe sie mit der Zeit wieder zurückgewonnen.
Wenn bei Nele Schutzbach das Selbstvertrauen mal angeknackst ist, komme auch die Angst, sagt sie. In solchen Fällen helfe mentale Hilfe von außen. Luis Weber sagt, er habe als Start-up-Unternehmer keine Angst. Der frühere Handballer sei „früher schon auf die Schnauze gefallen.“ Im Sport habe er erlebt, was es heißt, nicht ganz nach oben zu kommen, aber der Sport habe ihm das Dranbleiben gelehrt. Durchaus merke er aber die Angst bei der Konkurrenz vor dem neuen Player. Prediger betont die vielen Rückschläge, die mit dem Leben als Unternehmer verbunden seien, ermutigt aber, sich mit anderen Gründungswilligen zusammenzutun.
Was kann man tun, um den eigenen Angstgegner zu überwinden? Katharina Domschke nennt in Sport und Wirtschaft drei Schritte: Zunächst gehe es um eine nüchterne Analyse des Angstgegners beziehungsweise der zugrundeliegenden Ängste vor Veränderung. Als weiteren Schritt empfiehlt sie im Sport die bewusste Veränderung von Taktik anstatt von Selbstwert und in der Wirtschaft die Etablierung einer Fehlerkultur. Schließlich sei ein gezieltes Üben der kritischen Situationen ratsam.
Angesprochen auf die Angst zu verlieren sagen Lisa Klein und Nele Schutzbach, dass es ihnen hilft, in kleinen Schritten zu denken. Und wie ist das bei den Unternehmern? Im Falle eines Scheiterns gebe es in Deutschland immer noch eine gute soziale Absicherung. Diese Aussicht gibt laut Luis Weber und Ulrich Prediger eine gewisse Sicherheit.
Autor: Carl Dohmann | TEAM FREIBURG-SCHWARZWALD
Fotos: Erich Greil